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Bushido Interview
Bushido
Das Jahr 2010 hat für den Berliner Skandalrapper Bushido sehr turbulent begonnen. Nach seinem heiß-diskutierten Kinofilm "Zeiten Ändern Dich" erschien nun auch sein neues, gleichnamiges und inzwischen siebtes Soloalbum über ersguterjunge / Sony Music. Als Gäste sind Glashaus, Fler und Kay One mit dabei.

Links:
www.kingbushido.de
www.zeiten-aendern-dich.de

Review:
"Zeiten Ändern Dich" (Album) Review
Videos:
"Alles Wird Gut" Videoclip
"Zeiten Ändern Dich" Film Trailer

Album bestellen:
Amazon.de | hhv.de

Interview

Im Pressetext zu deinem Kinofilm "Zeiten Ändern Dich" wird beschrieben, dass das erste große Kapitel deines Lebens langsam abgeschlossen ist. Es heißt: "Ich habe die Sau rausgelassen, Scheiße gebaut, Drogen genommen, Leute geschlagen und gevögelt, was das Zeug hält. Jetzt bin ich 31 Jahre alt und möchte zu einem neuen Kapitel weiterblättern."

Ich habe mir irgendwann mal im Größenwahn ausgedacht, dass ich mein Leben gerne in drei große Kapitel teilen möchte: Das erste Kapitel bestand größtenteils darin, aufzuwachsen, sich auf den Weg zu machen und irgendwo anzukommen. Ich hatte nie den Wunsch gehabt, Rapper zu werden, aber auch nie den Wunsch, zum Beispiel Anwalt zu werden. Ich hatte nie gewusst, welchen Beruf ich einmal ausüben will. Nur in den Augenblicken, in denen ich mich für irgendetwas entschieden habe, wusste ich, dass ich das jetzt genieße und möchte oder eben nicht möchte. Das war auch ein Grund, weshalb ich mein Abitur abgebrochen habe, was nie daran lag, dass ich die Leistung nicht bringen konnte – denn die Schule habe ich mit links gemacht. Ich habe auch ein sehr gutes Abschlusszeugnis. Alleine von meinem intellektuellen Niveau her wäre es für mich ein leichtes gewesen, in Deutschland das Abitur zu bekommen – nur hatte ich eben keine Lust. Und dann fing es auch an: Dann war ich 18 und habe viele Dinge gemacht wie Drogen zu nehmen oder Drogen zu verkaufen, ohne wirklich zu wissen, was passiert. Ich bin dann über meine generelle Liebe zur Musik auch durch Kollegen darauf aufmerksam gemacht worden, ob ich nicht eventuell selber Musik machen möchte. Ich konnte mir das anfangs nicht wirklich vorstellen, aber hab dann angefangen, mir Beats selber zu machen und Songs zu schreiben und aufzunehmen. Das hat dann auch Interesse geweckt, sodass ich aus meiner Musik ein sehr lukratives und erfolgreiches Geschäft gemacht habe. So musste ich mir dann keine Gedanken mehr machen, welchen Beruf ich irgendwann ausübe, da ich mit der Musik so viel Geld verdient habe, dass ich mich eigentlich offiziell Musiker nennen konnte. Das ging dann eben so weiter, bis dann irgendwann auch diverse Touren gekommen sind oder eben das Buch und jetzt auch der Film. Mit meinen 31 Jahren habe ich eigentlich so gut wie alles gemacht, was ich machen konnte.


Bushido Was macht dich deiner Meinung nach so erfolgreich? Wieso bist du jemand, dessen Leben verfilmt wird?

Man kann einfach sehen, dass ich in dem was ich gemacht habe, sehr konkret gewesen bin. Das möchte ich jetzt nicht werten und sagen, dass ich der voll coole Typ bin und der beste Rapper oder sonstwas. Aber in dem, was ich gemacht habe, war ich einfach sehr gut. Jetzt habe ich das alles irgendwie hinter mich gebracht, wobei der Film für mich noch sowas wie ein großes Finale ist. Ich saß mit meiner Mutter, meinen Freunden und 1000 anderen geladenen Gästen in Berlin am Potsdamer Platz zur Premiere des Films und habe mir das angesehen – und da ist jetzt halt mein Leben zu sehen. Was man darüber halten oder denken möchte, ist jetzt wieder eine andere Sache. Ob man davon ausgeht, dass ich das besonders gut oder besonders schlecht gemacht habe, ist auch wieder eine ganz andere Sache. Es geht aber nur darum, dass ich es jetzt mit meinen 31 Jahren geschafft habe, dass Menschen der Meinung sind, ich müsste mein Leben in einen Kinofilm verpacken. Das bedeutet, dass ich auch langsam den Druck verloren habe. Ich brauche kein Geld mehr, um meine Miete zu bezahlen. Das ist alles verschwunden. Ich bin jetzt 31 – habe zwar nicht unbedingt meine Jugend hinter mich gebracht – aber natürlich meine kompletten 20er-Jahre, die in jeder Beziehung sehr sehr wild aussahen.


Das klingt alles schon ziemlich final.

Ja, das ist auch sozusagen das Ende des ersten großen Kapitels in meinem Leben. Im Endeffekt habe ich einen Beruf – egal ob wirtschaftlich oder persönlich gesehen – indem ich alles gemacht habe, was ich machen wollte. Ich habe vor 5 Leuten gespielt genauso wie ich vor 100.000 Leuten gespielt habe. Ich kann das auch ewig weitertreiben, nur irgendwann bringt es einen dann halt nicht mehr wirklich weiter. Vor allem wenn es dich persönlich nicht weiterbringt, musst du natürlich auch damit liebäugeln, dein Leben zu ändern. Der Film war im Endeffekt nochmal die ganz große Motivation für das letzte Jahr – vor allem nach der Krebskrankheit meiner Mutter 2007, die eh komplett mein Leben umgekrempelt hat.


Und wie sieht dann das nächste große Kapitel in deinem Leben aus?

Der nächste große Akt bzw. das nächste große Kapitel für mich wäre dann mit der Frau meines Herzens Kinder in die Welt zu setzen und aus diesen Kindern vernünftige und selbstständige Menschen zu machen. Zwar nicht jetzt oder morgen, auch nicht nächste Woche oder nächsten Monat, aber ich bin bereit – sagen wir es mal so. Fall es passiert, dann nehme ich es auch gerne an und wenn ich die Mutter meiner Kinder kennenlerne, dann ist die ganze Scheiße hier auch vorbei. Dann geh ich nicht mehr ins Puff, und auch nicht mehr auf irgendwelche After Show Parties, wo ich irgendwelche Mädchen vögle, die große Augen bekommen, wenn ich an denen vorbeilaufe. Ich konzentrier mich dann auf meine Familie, meine Frau und meine Kinder. Man hat dann ja auch eine gewisse Verantwortung zu übernehmen. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich immer das gemacht habe, was mich gerade interessiert hat. Auch wenn andere Menschen den Kopf geschüttelt haben – das war mir egal. Würde jemand meine Freundin anbaggern, dann schlage ich den, verstehst du? Wenn jemand meine Mutter beleidigt, dann schlage ich den. Wenn jemand mit mir über Politik diskutieren möchte, dann schlag ich ihn nicht. [lacht] Alles hat seinen Sinn und Zweck gehabt und ich habe mir immer die Freiheit genommen, das zu sagen, was ich denke, auch wenn mir das oft Probleme bereitet hat. Solange ich die Konsequenzen tragen kann, kann ich machen, was ich will. Und genau so nehme ich es dann auch in Kauf, dass wenn meine Frau schwanger von mir ist, es für mich tabu ist, mich in offenen Beziehungen durch Deutschland, Österreich und die Schweiz zu vögeln. Das ist dann vorbei.


Gibt es denn Gerüchte, mit denen du aufräumen möchtest? Vielleicht auch bei Szenen im Film wo du sagen würdest: Hey Leute, ihr habt das falsch verstanden.

Nein, ich möchte da mit nichts aufräumen. Der Film ist nun aber auch ganz anders geworden, als sich das die Menschen gerne vorgestellt hätten. Und zwar nicht aus dem Grund, dass der Film jetzt so schlecht ist, sodass die Leute sagen, der muss sofort raus aus Deutschland. Sondern der Film ist genau nicht das, was die Leute, die mich schon seit Jahren abschießen wollen, bräuchten, um zu sagen: "Jetzt ist es zu viel. Jetzt musst du wirklich aus den Kinderzimmern raus." Wenn man mich kennt und wenn man mich hört, wie ich sage, dass ich heute voll Bock habe, irgendeine Frau abzuschleppen, dann denkt man: "Ah, was für ein Typ, ey." Oder wenn ich sage, dass wenn jemand meine Freundin anmacht, ich denjenigen schlagen würde – das sind alles so primitive Sachen, wo schon damals die Mädchen in der Schule zu mir gesagt haben, dass ich doch über den Dingen stehe. Aber das tu ich nicht. Deshalb haben die Leute erwartet, dass wenn ein Film von mir ins Kino kommt, dort Gruppensex und Kokain ein Thema sind oder dass ich fremde Frauen derartig zusammenschlage, dass die am nächsten Morgen im Krankenhaus aufwachen – denn ich hab ja auch keinen Respekt vor Frauen. Deshalb würde ich auch meine Mutter verstoßen, weil ich ja alle Frauen als Nutten bezeichne. So wird es mir zumindest in Deutschland vorgeworfen. Außerdem würde ich ja gemeinsam mit meinen Freunden aus dem fahrenden Auto mit Luftdruckgewehren auf Homosexuelle schießen, da ich ja auch homophob bin. Wenn du das alles in einem Bushido Film finden würdest, dann wäre es genau das, was die Leute erwartet hätten. Die würden das dann natürlich dazu nutzen, um einen Strick daraus zu nähen, mich zu schubsen und mich dann am Strick baumeln zu lassen. Aber genau das ist nicht passiert.

Bushido

Was kann man stattdessen im Film sehen?

Bei aller Kritik, bei allen Fehlern, die ich gemacht habe und bei allen komischen Dingen, die ich gesagt habe und auch so meine, bin ich ein Typ, der ein ganz normales Leben hat und gehabt hat. Ich war nicht 8 Jahre im Gefängnis, ich habe keine Bank überfallen, keine Frau vergewaltigt und auch keine Kinderpornos runtergeladen. Es wäre einfach nur dumm gewesen, einen Film zu drehen, in dem genau diese Vorurteile dann praktisch aufgehen. Natürlich siehst du in dem Film, wie ich auf dem Parkdeck meiner Freundin eine Schelle gebe und mir dann denke: "Ach Fuck, ich habe alles kaputt gemacht und sie genauso geschlagen, wie mein Vater damals meine Mutter geschlagen hat." Und ob ich jetzt nun gut schauspiele oder nicht ist mir im Grunde auch egal, da ich einfach kein Schauspieler bin. Ich habe das nie behauptet. Es ist einfach mein ganz normales Leben, das man im Film sehen kann und das regt die Leute einfach auf. Die fragen sich ja auch, was Bernd Eichinger einfällt - da der ja politisch korrekt ist – mir da ein Denkmal zu setzen und zu zeigen, wie ich für meine Mutter kämpfe und wie ich mit meinen Freunden durchs Leben laufe und was erreichen will. Das Happy End ist dann ja auch wirklich da, das hat man sich nicht nur ausgedacht. Und Karel Gott ist nicht extra wegen des Films gekommen, sondern kennt mich schon länger und hat mit mir Musik gemacht. Er hat auch wirklich "Biene Maja" gemacht – das ist ja nichts, was man sich für den Film ausgedacht hat. Diese Sachen gibt es ja alle wirklich. Aber all das führt gerade zu so einer Hetze. Als ich gemeinsam mit Bernd Eichinger in meinem Privatflieger von Berlin nach Wien gesessen bin, wurde mir gerade der Tagesspiegel vor die Nase gedrückt und auf einmal steht da ganz groß: Die Trilogie des Bösen – Hitler, Baader, Bushido. [Anm. d. Rdk.: Bernd Eichinger ist Produzent der drei Filme "Der Untergang", "Der Baader-Meinhof Komplex" und "Zeiten Ändern Dich".]


Das ist doch etwas extrem, oder?

Ja, klar. Ich denke mir da nur: Hää? Du siehst da ja nur einen Typen, der ein bisschen Quatsch macht, sich ein bisschen mit seinen Kumpels prügelt, bisschen Gras raucht und am Ende dann doch noch vernünftig ist, weil er seine Mutter liebt und seinen Vater dann doch nochmal in den Arm nimmt. Egal ob es gut gespielt oder nicht – es ist Fakt, dass das mein Leben ist. Und natürlich sind die Dialoge, die ich im Film spreche, nicht die Sprache, die ich hier mit dir oder mit meinen Freunden in Berlin spreche. Und auch die Off-Stimme ist nicht mein Text, den ich geschrieben habe. Aber das ist nun mal ein Film, zu dem es ein Drehbuch gibt. Bernd Eichinger kann bestimmt eine Menge nicht, aber er kann Filme drehen.

Bushido Am Ende des Tages ärgert es mich dann einfach, dass die Menschen so viel Angst haben und so unfrei sind, dass sie selbst dann - wenn es im Film wirklich positive Aspekte gibt - immer noch nicht dazu bereit sind, diese positiven Aspekte zu erkennen. Nur aus dem Grund, mir diesen Gefallen nicht zu tun. Und das ist ein ganz schlimmer Punkt und zeugt nur von reinem Egoismus. Die machen sich keine Gedanken darüber, dass es vielleicht einem anderen etwas Gutes tun könnte. Die können nicht mal sagen: Ich finde den Film jetzt zwar nicht so gut, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass zumindest einer aus dem Film rausgeht und sich denkt, dass er seiner Mutter oder jemand anderem gegenüber etwas korrekter auftreten wird. - Denn es war einfach Bushido. Und wenn es Bushido war, dann muss es in die Mülltonne. Egal ob es die Musik, der Film oder das Buch ist.


Wolltest du bewusst diesen Vorurteilen aus dem Weg gehen?

Nein, aber diese Vorurteile sind einfach nicht der Kern der Sache. Es würde von Unfähigkeit zeugen, einen Film zu drehen, der nur auf Vorurteilen basiert. Wir zeigen das, was wirklich war und mein Leben war nun mal so. Mein Leben in Deutschland war ganz anders als das eines Crack-Dealers in New York oder so. Wir leben zum Glück in einem Sozialstaat. Zum Glück gibt es Sachen wie das Jugendamt, Sozialamt, Hartz IV, die gesetzliche Gesundheitskasse, etc. Das sind alles Sachen, die uns ja auch zu Gute kommen. Aber wir haben leider alle das Talent, uns immer über das zu beschweren, was wir haben, anstatt es zu schätzen. Stattdessen beklagen wir uns nur darüber, was wir nicht haben. Das hat sich bei mir auf jeden Fall geändert durch die Krankheit meiner Mutter. All unsere zwischenmenschlichen Probleme und all die Kritik und der Hass gegenüber mich sind im Endeffekt in Relation zur Krankheit meiner Mutter überhaupt nicht existent. Punkt.

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